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Geometric Confusion In:
Märkisches Museum Witten (Hg.)
Mixed, Bönen 2010, p. 42 
Text: Tannert, Christoph
EN/DE

(… Die immense bildgeschichtliche Intelligenz, mit der Tanja Rochelmeyer durch den Raum navigiert, lässt sehr wohl durchblicken, dass sie weiß, wo die Grenze verläuft zwischen der Grammatik der Sprache und den Konventionen des Sprechens. Auf den Kopf gestellt wird nichts, aber das Durchschreiten von Gespiegeltem und das Auffächern von ungeahnten Raumbezügen macht einen zum Komplizen einer Erkundungsfahrt, die für ungeübte Augen und Hirne durchaus zu einem Belastungstest werden kann. Rochelmeyer gestaltet diese Tüftelei jedoch mit höchster Selbstdisziplin. Und so empfinde ich auch das Verwirrende als Glücksmoment. Erst jenseits der Zwänge des Notwendigen beginnt das Reich der Freiheit. Die Zauberformel, die hier den Zutritt verschafft, lautet: Space ist the place. Die Gemälde von Rochelmeyer sind bestimmt von Stauchungen, Dehnungen und waghalsigen Richtungswechseln, sie besitzen ein hohes Maß an Geschwindigkeit. Der Betrachterblick folgt einzelnen Raumbezügen und stößt immer wieder an Wände und Blickfallen, manches scheint auf den ersten Blick schlüssig, beinahe architektonisch konstruiert, anderes dagegen völlig frei – floating forms, allerdings ohne Rundungen, alles ist eckig und kantig, nichts weiches ist in den Formen zu finden. Alle Bilder haben eine konstruktive Härte, die Künstlerin verzichtet auf jedes anheimelnde Detail, alles bleibt harte, unterkühlte Technikfantasie. Dabei kommt Rochelmeyer zu Gute, dass sie das Diplom in einer Ingenieurswissenschaft gemacht hat, in dieser Ausbildung ging es um Detailgenauigkeit und mathematische Präzision. Und das sieht man in den Bildern, allerdings wird die harte Formensprache gebrochen durch eine sehr genaue und feinfühlige Licht- und Farbsetzung, die Übergänge sehen aus, als wären sie nicht mehr mit dem Pinsel gemalt, sondern von einem Roboter aufgetragen, sie sind fließend und die Übergänge sind kaum mehr auszumachen, da changiert eine Fläche lässig von Anthrazit zu Hellgrau als wäre sie gesprüht. Die Farbpalette ist häufig dunkel, aber die Kontraste sind mit viel Gespür für die Bild zusammenhänge gesetzt, keine Farbe springt unmotiviert heraus, es gibt keine gewollt unstimmigen Kontraste, etc. Hier regiert das Farbgefühl. In den neuesten Arbeiten (Ohne Titel 1409 / Ohne Titel 0110) sind die stets vorhandenen Architekturbezüge weniger verschleiert, sie treten deutlich hervor und dennoch kippen die Bilder in die Abstraktion, auch wenn man meint, Bühnen, Fluchten, Flure oder Gebäudeteile zu erkennen. Die Arbeiten aus den Jahren 2008 und 2009 folgen noch einem anderen Prinzip – es gibt einige Werke, die dem Schema Figur und Grund folgen, wobei die Figur als solche zwar auszumachen, aber nicht genauer zu bestimmen ist. Etwas rast mit Energie und Geschwindigkeit durchs Bild, beinahe referenzlos und doch stehen Künstler wie El Lissitzky, László Moholy-Nagy, Filippo Tomasso Marinetti und Fortunato Depero. Konstruktivismus trifft auf Futurismus trifft auf neueste Architektur und verschmilzt zu einer neuen zeitgemäßen Bildsprache…)

Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart

Bahnhof, Flöha